Ein unbeschriebenes Blatt
Als Sportjournalist habe ich mich der Bergsteigerin Jeanne Immink verschrieben. Ohne Zweifel hätte ich eine aktuellere Koryphäe für eine Biografie auswählen können, einen Weltmeister oder Olympiasieger, aber ich suchte etwas weniger Flüchtiges. Das Thema sollte – eine seltene Kombination – zugleich sportlich und besinnlich, zudem nicht dem zermürbenden Zeitraffer der Aktualität ausgesetzt sein. Während meiner Bergtouren ging mein Wunsch in Erfüllung, ich stieß auf Jeanne Immink, die wie aus einem Nebelmeer emportauchte. Ein unbeschriebenes Blatt, eine schriftstellerische Erstbesteigung, zum Greifen nah.Ein Berichterstatter ist ständig um Exklusivität bemüht, die Schlagzeile ist seine Selbstbestätigung. Das Recherchieren jedoch empfinde ich als den spannendsten Teil des Berufs. Es geht darum, die Fakten aufzudecken. Im Falle Jeanne Imminks war das vergleichbar mit einer Neutour, die mehrere Versuche und viel Zähigkeit erfordert.
In meinen Zeitungsreportagen berichtete ich über fast alle Sportarten und stellte dabei stets die Person in den Vordergrund – das steigert die Leserquoten. Offenbar bleibt trotz der digitalen Überflutung das Menschlich-Hintergründige ein wichtiger Faktor. Für mich kam Jeanne Immink wie gerufen. Ihre Lebensgeschichte, umrahmt von einer majestätischen Kulisse, scheint mir bedeutungsvoll. Heute ist uns nichts mehr heilig, aber die Berge haben ihre Kraft behalten.
Harry Muré
Mitglied des Österreichischen Alpenklubs
Reizvoll ist es, an den Bergen die Geschicklichkeit des Körpers
und die Findigkeit des Geistes zu erproben
Führer durch die
Lienzer Dolomiten,
Louis Patéra 1922