Die unermüdliche Dame
Jeanne Immink bestieg die Walliser Viertausender und überschritt zweimal das Matterhorn. Sie bevorzugte jedoch die Dolomiten – vor allem die Kleine Zinne und die Fünffingerspitze hatten es ihr angetan. Sie waren um 1890 die Prüfsteine der stärksten Kletterer. Jeanne kannte alle Routen. Ihre Bravourstücke erregten großes Aufsehen. Von Ehrgeiz getrieben, erstürmte sie die letzten jungfräulichen Gipfel. Gegenüber der Konkurrenz zeigte sie sich in keinster Weise bescheiden. »Ich fordere die Herren Alpinisten auf, meinen Schritten zu folgen«, schrieb sie nach einer schwierigen Erstbesteigung. Damit sich ihre Finger am rauen Fels nicht aufscheuerten, trug sie Handschuhe aus Ziegenleder. So konnte sie wochenlang ununterbrochen Klettertouren unternehmen. Die Italiener lobten sie als »la donna instancabile«, die unermüdliche Dame.Alpenvereine
Jeanne Immink, schon zu ihren Lebzeiten eine Legende, ergriff die Initiative zu neuen Unternehmungen und Routen. Sie bewältigte vom Talboden aus enorme Höhenunterschiede und achtete darauf, dass sie immer die Erste oder die Schnellste war. Die Alpenvereine, damals Männerbastionen, verweigerten den Frauen oft den Zugang. Jeanne Immink jedoch wurde mit offenen Armen begrüßt. Sie war Mitglied des elitären Österreichischen Alpenklubs in Wien und der Sektion Turin, der herausragendsten Bergsteigergruppe Italiens.Spitzenfrauen
Jeanne Immink widerlegt die heute verbreitete Auffassung, dass Frauen in der sportlichen Geschichte des Alpinismus keine Rolle spielten. Die Bergsteigerinnen der frühen Jahre werden in den Medien meist als bedauernswerte Geschöpfe in altertümlicher Kleidung belächelt. Jeanne Immink beweist das Gegenteil, und sie ist bei Weitem nicht die Einzige. Die Spitzenfrauen waren zwar Ausnahmeerscheinungen, aber das galt auch für die Männer. Nur Bergführer und eine begrenzte Anzahl Bergsteiger kletterten den obersten vierten Grad – zu der Zeit, als Haken und Karabiner noch nicht existierten, das Schwierigste, was erreichbar war.Willst du an der Welt dich freuen,
am besten wird es von oben sein
Rudolf Baumbach
Auf dem Sorapiss im Jahre 1893. Jeanne Immink am Seil des Bergführers Pietro Dimai.